durchgeführt, mit über 200 Referenten und Podiumsteilnehmern, vor insgesamt über 90.000 angemeldeten Gästen. Gesamtgesellschaftlich relevante Fragestellungen durch demokratische Meinungsvielfalt in das öffentliche Bewusstsein zu rücken und entsprechendes Engagement zu aktivieren – offensichtlich gibt es dafür eine intensive Nachfrage. Es geht nicht um spontanen Protest, um Abgrenzung oder pure individualistische Entfaltung. Es geht vielmehr um den Unterschied zwischen „Meinwohl“ und Gemeinwohl. Es geht weniger um Gegenwart und Aktualität als vielmehr um Zukunft und Nachhaltigkeit, weniger um Spontanes als um Grundsätzliches.

Der „Wutbürger“ hingegen scheint völlig anders gelagert zu sein. Dirk Kurbjuweit hat ihm in einem Spiegel-Essay den Zerrspiegel am beispiel von „Stuttgart 21“ vorgehalten: „Der Wutbürger denkt an sich, nicht an die Zukunft seiner Stadt. Deshalb beginnt sein Protest in dem Moment, da das Bauen beginnt, also die Unannehmlichkeit. Nun schiebt er das beiseite, was Bürgertum immer ausgemacht hat: Verantwortlichkeit, nicht nur das Eigene und das Jetzt im Blick zu haben, sondern auch das Allgemeine und das Morgen.“1 In der persönlichen Betroffenheit verortet Kurbjuweit das eigentliche Protestpotenzial. Es scheint das eigentlich Verbindende in einem bunten Blumenstrauß an Contra-Motiven zu sein, die von ökonomischem Aberwitz über die Rettung von Borkenkäfern bis hin zum „Nazi-Design“ des Bahnhofs reichen. Die Zielperspektive ist Verhinderung, nicht konstruktiver Dialog. Es ist in vielerlei Hinsicht blinde Wut, nicht gerechter Zorn. Die Wut ist eruptiv, unmittelbar und oft planlos. Sie schert sich nicht um gesamtgesellschaftlichen Nutzen oder politische Weitsicht. Gerechter Zorn wird uns seit der Bibel durch den „heiligen Zorn“ der Propheten und durch die Tempelreinigung durch Jesus transportiert. Er kanalisiert die Affekte, hat das Ganze im Blick und entwickelt aus den ungerechten Zuständen konstruktive Alternativen.

Mutet vor diesem Hintergrund die eingangs zitierte Begründung der Gesellschaft für deutsche Sprache nicht ein wenig entrückt an? Ist der Wutbürger nicht eher Symptom einer Empörungskultur, die mit rechtsstaatlichen Normen und demokratisch legitimierten Spielregeln nicht viel am Hut hat, sondern eher mit dem persönlichen Status quo? Wer hier mit Jaspers nach Namen, Adressen und Hausnummern fragt, findet lediglich Interessenwahrnehmung – und zwar in erster Linie für das eigene Wohlergehen, und nicht für eine Bürgergesellschaft, die Zukunft verantwortlich gestalten will.

5 Fjodor M. Dostojewski, Die Brüder Karamasoff. 27. Aufl., München 1996, S. 412.
6 Vgl. zu den Begriffen positive und negative Freiheit: Isaiah Berlin, Zwei Freiheitsbegriffe. In: Ders., Freiheit. Vier Versuche, Aus dem Englischen von Reinhard Kaiser, Frankfurt am Main 1995, S. 197–256.
7 Dostojewski, Die Brüder Karamasoff, a. a. O., S. 414.

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