eines seiner zentralen Credos lautete: „Verantwortung ist immer konkret. Sie hat einen Namen, eine Adresse und eine Hausnummer.“

Wer nach Entwicklungschancen und Perspektiven einer Bürgergesellschaft im Ruhrgebiet fragt, wer nach materiell, geistig und sozial Verbindendem sucht, muss erst einmal in die Vergangenheit blicken. Denn das Ruhrgebiet lässt sich weniger durch kalte Analysen im internationalen Regionalvergleich erklären, sondern vielmehr als konkreter lebensweltlicher, historisch gewachsener Sozialraum, der nicht umsonst eine spezifische Entstehungsgeschichte hat.

Seit Beginn der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert hat das Ruhrgebiet als boomender Wirtschaftsraum arbeitswillige Menschen zunächst aus ganz Deutschland, später aus allen Teilen Europas, angezogen. Aus England, Frankreich und natürlich aus Osteuropa, insbesondere Polen. Hier entstand der klassische Prototyp des melting pot, in dem Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen eine gemeinsame Identität herausgebildet haben. Die Menschen kamen ins Revier, weil sie hier Perspektiven für sich und ihre Familien sahen. Dieser Prozess vollzog sich mit einem ungeheuren Tempo. Innerhalb weniger Jahrzehnte wurde das Ruhrgebiet zu einer der dynamischsten Wachstumsregionen und zur stolzen Lokomotive der deutschen Wirtschaft. Eine Leistung, die wir in erster Linie einer gewaltigen Migrationsbewegung zu verdanken haben. Es ist ein unverzichtbares Kapitel der Erfolgsgeschichte im Ruhrgebiet, dass diese Menschen bei uns bleiben wollten und den ganz sicher nicht einfachen Dreisprung aus Migration, Innovation und Integration ausgerechnet hier gewagt haben und über Generationen bei uns blieben.

Allerdings vollzog sich dieser Wandel auch auf der Folie eines konstitutionell-monarchistischen Obrigkeitsstaates im Deutschen Kaiserreich. Trotz Arbeiterbewegung, liberaler Ideen und vielfältiger Modernisierungstendenzen gelang es dem preußisch dominierten deutschen Nationalstaat, insbesondere Bismarck, traditionelle obrigkeitsstaatliche Denkmuster in eine entsprechende politische Kultur zu transformieren. Dies blieb selbstverständlich nicht ohne mentalitätsbildende Auswirkungen.1 Parallel dazu entwickelte sich eine Tradition der „Reform von oben“, die letztlich zum Ziel hatte, die autoritäre Regierungsform gegen revolutionäre/emanzipatorische Tendenzen abzusichern. Vor diesem Hintergrund ist beispielsweise auch die Sozialversicherungsgesetzgebung im Deutschen Kaiserreich zu sehen. Selbstverständlich entstand im Zuge der Industrialisierung ein sich zunehmend verschärfender sozialer Handlungsdruck. Die Etablierung der Unfall-, Kranken- und Rentenversicherung war aber zugleich Ausdruck einer unverhohlenen Zähmungspolitik, die revolutionäres Potenzial bändigen und somit der Sozialdemokratie den Wind aus den Segeln nehmen sollte.2

3 Vgl. Wilfried Loth, Das Kaiserreich. Obrigkeitsstaat und politische Mobilisierung, 2. Auflage, München 1997, S. 167.
4 Vgl. Hans-Ulrich Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Dritter Band: Von der <<Deutschen Doppelrevolution>> bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges, 1849–1914, München 1995, S. 907–15.

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