Dieses Konstrukt erinnert mich stets an das biblische Motiv der drei Versuchungen Jesu in der Wüste und insbesondere seine literarische Aufarbeitung durch Dostojewski. In den „Brüdern Karamasoff“ überführt Dostojewski in einer brillanten literarischen Transformation den biblischen Stoff in das Zeitalter der spanischen Inquisition. Er entfaltet einen existenzphilosophischen Diskurs, der unter anderem auch das Thema Freiheit berührt, das für unsere Definition einer Bürgergesellschaft von zentraler Bedeutung sein wird. Offensichtlich erkennt Dostojewski hierin eine anthropologische Konstante: „Keine Wissenschaft wird ihnen Brot geben, solange sie frei bleiben, und so wird es denn damit enden, daß sie uns ihre Freiheit zu Füßen legen und sagen werden: ‚Knechtet uns lieber, aber macht uns satt.‘“1 Brot und Freiheit – offenbar zwei Begriffe, die in unauflösbarem Widerspruch zueinander stehen, denn Brot schafft Abhängigkeit – von einer höheren Instanz, einer Autorität, wie auch immer sie beschaffen sein mag.

Geht es bei der ersten Versuchung also noch um das, was die politische Theorie unter negativer Freiheit, also der Freiheit von etwas, begrifflich gefasst hat, steht im Zentrum der zweiten Versuchung die Frage nach der positiven Freiheit als Freiheit zu etwas. In diesem Sinne ist Freiheit gleichzusetzen mit dem Wunsch, mein eigener Herr zu sein, selbstbestimmt (Gewissens-)Entscheidungen zu treffen, Verantwortung für meine Handlungen zu übernehmen. Freiheit bedeutet also „Selbst-Beherrschung“2 In seiner „Beweisführung“ greift der „Großinquisitor“ diesen positiven Freiheitsdiskurs ebenfalls auf: „Oder hattest Du vergessen, daß Ruhe und selbst der Tod dem Menschen lieber sind als freie Wahl in der Erkenntnis von Gut und Böse? Es gibt nichts Verführerisches für den Menschen als die Freiheit seines Gewissens, aber es gibt auch nichts Quälenderes für ihn.“3 In dieser Lesart verzichtet der Mensch nur allzu gern auf seine Freiheit, wenn ihm die Sorge um das Brot und die Bürde des Gewissens genommen werden.

Nach ähnlichem Strickmuster, nur unter spezifischen Bedingungen funktionierte dieser Mechanismus auch im Ruhrgebiet. Bereits lange bevor der Staat sich in einer Mischung aus sozialpolitischer Notwendigkeit und machtpolitischem Eigeninteresse um die Lösung der Sozialen Frage kümmerte, engagierten sich einzelne Unternehmerpersönlichkeiten, um die Lage ihrer Belegschaft zu verbessern. Kaum ein anderer verkörperte diese paternalistische Unternehmerfigur so sehr wie seinerzeit Alfred Krupp, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gewissermaßen damit begann, unternehmerische Sozialpolitik zu entwickeln. Er gründete Kranken-, Pensions- und Sterbekassen, die berühmten Kruppschen Konsumanstalten, errichtete Kindergärten, Fabrikschulen und Arbeitersiedlungen. So

5 Fjodor M. Dostojewski, Die Brüder Karamasoff. 27. Aufl., München 1996, S. 412.
6 Vgl. zu den Begriffen positive und negative Freiheit: Isaiah Berlin, Zwei Freiheitsbegriffe. In: Ders., Freiheit. Vier Versuche, Aus dem Englischen von Reinhard Kaiser, Frankfurt am Main 1995, S. 197–256.
7 Dostojewski, Die Brüder Karamasoff, a. a. O., S. 414.

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