wohnten etwa im Jahr 1900 ca. 12 % aller Essener in Kruppschen Wohnungen.1 Dieses Engagement entsprach auf der einen Seite einem paternalistischen Selbstverständnis verbunden mit der Forderung nach hoher Loyalität, auf der anderen Seite aber auch einem sozioökonomischen Kalkül. Denn die „Kruppianer“, meist gut ausgebildete Arbeiter, sollten sowohl langfristig an das Unternehmen gebunden als auch gegen sozialdemokratische Tendenzen immunisiert werden.

So meinte Alfred Krupp: „Ich habe den Mut gehabt, für die Verbesserung der Lage der Arbeiter Wohnungen zu bauen, worin bereits 20.000 Seelen untergebracht sind, ihnen Schulen zu gründen und Einrichtungen zu treffen zur billigeren Beschaffung von allem Bedarf. … Genießet, was Euch beschieden ist. Nach getaner Arbeit verbleibt im Kreise der Eurigen bei den Eltern, bei der Frau und den Kindern und sinnt über Haushalt und Erziehung. Das sei Eure Politik … Ihr erreicht aber sicher nichts als Schaden, wenn Ihr eingreifen wollt in das Ruder der gesetzlichen Ordnung. Das Politisieren in der Kneipe ist nebenbei sehr teuer, dafür kann man im Hause Besseres haben.“2

Auf einen provokanten Nenner gebracht: Ich sorge für Euch, damit Ihr den Vorwärts nicht lest. Damit ich an dieser Stelle nicht fehlinterpretiert werde: Die Familie Krupp hat mit ihrem Unternehmen herausragende soziale Leistungen für unsere Region erbracht, die ihr einen mehr als berechtigten Platz in den Geschichtsbüchern zuweisen und die Metropole Ruhr bis heute zu tiefem Dank verpflichten. Gleichwohl flankierte diese patriarchalische Unternehmenspolitik eine obrigkeitsstaatliche Mentalität, die für die Entwicklung einer freiheitlichen Bürgergesellschaft nicht gerade förderlich ist. Spricht man mit Berthold Beitz über die Geschichte unserer Region, wird diese ruhrgebietstypische Mentalität deutlich. Für ihn ist diese regionalspezifische Autoritätsgläubigkeit ein wesentlicher Faktor für unsere Entwicklung, denn der Niedergang des Ruhrgebiets münde, wie er stets leicht amüsiert im vertraulichen Gespräch meint, in den drei Worten: „Jawohl, Herr Bergassessor!“. Nebenbei sei bemerkt, dass auch viele Zuwanderer vergleichbare Denkmuster ins Ruhrgebiet importierten. Die hiesige Bevölkerungsexplosion im 19. Jahrhundert resultierte in erster Linie aus einer gewaltigen Ost-West-Wanderung aus den preußischen Ostgebieten. Polnische Landarbeiter aus Posen, Ost- und Westpreußen kamen aus politisch-gesellschaftlichen Gegebenheiten, in denen die ostelbischen Großgrundbesitzer als Herrschaftselite bis ins 20. Jahrhundert hinein das Leben prägten. Der Landadel bildete eine wichtige reaktionäre Stütze des preußischen Obrigkeitsstaates und impfte sein streng konservatives und antiliberales Wertegefüge tief in seine Untergebenen ein.

Wir finden also im Deutschland des frühen 20. Jahrhunderts ein gesellschaftspolitisches System vor, das für die Entwicklung einer freien Gesellschaft nicht gerade vorteilhaft war. Zugleich durchdrang die Mentalität des preußischen Verwaltungsstaates auch weite Teile der Zivilgesellschaft. Oder wie es Max Weber

8 Vgl. Michael Sauer, Die Industrialisierung. Die Entstehung der modernen Welt, Leipzig/Stuttgart/Düsseldorf 1999, S. 83.
9 Alfried Krupps Briefe 1826-1887, hg. v. Wilhelm Berdow, S. 343 ff.

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