formulierte: „Die „Demokratisierung“ im Sinne der Nivellierung durch den Beamtenstaat ist eine Tatsache. Man hat nur die Wahl: in einem bureaukratischen „Obrigkeitsstaat“ mit Scheinparlamentarismus die Masse der Staatsbürger rechtlos und unfrei zu lassen und wie eine Viehherde zu „verwalten“, – oder sie als Mitherren des Staates in ihn einzugliedern. … Man kann die Demokratisierung sehr wohl (für jetzt) vereiteln. … An den unvermeidlichen politischen Folgen mögen einzelne Kreise interessiert sein. Aber gewiß nicht: das Vaterland.“1

Im Grunde genommen hat sich diese Denktradition bis in unsere heutige Zeit hinein gehalten. Es entwickelte sich eine Art „Antragstellerwesen“: Anstatt Eigeninitiative, Subsidiarität, Hilfe zur Selbsthilfe zu individuellen Handlungsmaximen zu machen, wird Verantwortung an höhere Instanzen abgegeben. Für eine Bürgergesellschaft, die auf Leistungsbereitschaft und Selbstverantwortung des Einzelnen fußen soll, die auf Selbstorganisation statt Fremdbestimmung baut, recht düstere Voraussetzungen. Die weitere deutsche Geschichte ist gespickt mit Beispielen für dieses zum Teil spezifisch deutsche Phänomen. Im Umkehrschluss heißt dies: Jede staatliche, zentral gesteuerte, nicht notwendige Verantwortungsübernahme ist ein Stück individueller Entmündigung. Übergeordnete Institutionen dürfen kleineren sozialen Einheiten nicht aus der Hand nehmen, was sie selbst zu leisten imstande sind. Ein Handlungsgebot besteht nur, wenn die kleineren Einheiten mit ihren Problemen und Aufgaben überfordert sind. Als gesellschaftliches Gestaltungsprinzip betont Subsidiarität die Freiheit und Selbstverantwortlichkeit der Person. Sie ist die Grundlage der Bürgergesellschaft, da sie der Problemlösungskompetenz und Zuständigkeit des Einzelnen, der Familie und des sozialen Nahbereichs vertraut. Dies ist, wenn man in dieser Metaphorik bleibt, die erste Adresse in Jaspers‘ Verantwortungssystem. Dieser sozialethische Ansatz ist jedoch zunehmend aus dem Blick geraten, wie nicht zuletzt am Wachstum – manche würden sagen Ausufern – des deutschen Sozialversicherungssystems seit dem Ende der 1960er Jahre zu erkennen ist. Soziale Leistungen wurden institutionalisiert und professionalisiert, auf der Strecke blieben Traditionslinien ehrenamtlicher Sozialarbeit. Es ist bezeichnend, dass in Deutschland Debatten um ehrenamtliches Engagement und Entwicklungen wie Corporate Citizenship erst mit den Grenzen des Sozialstaates nach der deutschen Wiedervereinigung auflebten.2

Gesellschaftliche Verkrustungen und parteipolitische Verkrampfungen mit „ratlosen Riesen“3 kennzeichneten auch das damals noch westdeutsche Klima der ausgehenden 80er Jahre. In dieser Zeit entstanden Begriffe wie Politikverdrossenheit

10 Max Weber, Zur Politik im Weltkrieg. Schriften und Reden 1914–1918, hg. v. Wolfgang J. Mommsen in Zusammenarbeit mit Gangolf Hübinger, Tübingen 1988, S. 188–89
11 Vgl. Holger Backhaus-Maul, Corporate Citizenship im deutschen Sozialstaat. In: Aus Politik und Zeitgeschichte 14/2004, 29. März 2004, S. 23–30, hier S. 25.
12 So der Titel eines Sammelbandes von Rudolf Wildemann: Volksparteien: ratlose Riesen? Baden-Baden 1989.

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