– 1992 immerhin von der Gesellschaft für deutsche Sprache ebenfalls zum „Wort des Jahres“ gewählt – und Parteienverdrossenheit, die eine wachsende negative Attitüde der Bürger hinsichtlich politischer Aktivitäten und Strukturen reflektierten. Politik und politisches Handeln stießen vermehrt auf Desinteresse, die letztlich zur mangelnden Partizipation an politischen Prozessen führte und auch heute noch führt. Insbesondere die Parteien, durch Artikel 21 des Grundgesetzes immerhin als wichtigste Akteure der politischen Willensbildung in den Rang verfassungsrechtlicher Institutionen erhoben, gerieten immer mehr zu „Closed Shops“, und ihr öffentliches Bild wurde zunehmend durch Begriffe wie Filz, Klüngel und Machterhalt um jeden Preis geprägt. Und von einer Bürgergesellschaft, die von dem freiwilligen Engagement ihrer Bürger getragen wird und sich durch die aktive Teilnahme ihrer Mitglieder weiterentwickelt, war nach wie vor weit und breit nichts zu sehen: Es gab sie faktisch nicht.

Diese Standortbestimmung Ende der 1980er Jahre ist charakteristisch für das späte 19. und weite Teile des 20. Jahrhunderts. Lord Ralf Dahrendorf hat in diesem Zusammenhang, scharfsinnig wie stets, diesen Zustand als Liberaler alter Schule gegeißelt und auf die Tradition dieser Mentalität verwiesen: „Autoritäre Regierung hingegen lebt von der Apathie der Bürger, die ihren eigenen, <<privaten>> Interessen nachgehen, während eine Nomenklatura das öffentliche Interesse in eines zur eigenen Machterhaltung verwandelt hat. Diese Nomenklatura besteht aus Funktionären, solchen der Parteiapparate, aber auch solchen der internationalen Organisationen. Sie erinnert sehr an die Wärter und Wächter des <<ehernen Gehäuses der Hörigkeit>>, das Max Weber schon vor fast einem Jahrhundert als  Produkt der Herrschaft der Bürokratie gesehen hat.“1

Ich bin heute mehr denn je davon überzeugt, dass dies bereits Symptome eines tief liegenden Problems waren. Sie waren letztlich Ausdruck einer Sprachlosigkeit, die weite Teile der Gesellschaft und des öffentlichen Lebens umfasst hatte. Nicht nur im Bereich der Politik, sei es auf kommunaler, Landes- oder Bundesebene, gestaltete sich der Dialog zwischen Parteien und Bürgern, zwischen Parteien untereinander und auch parteiintern zunehmend schwieriger. Dies galt auch für andere bedeutende gesellschaftliche Gruppen, deren Kommunikation untereinander zunehmend verstummte: zwischen Wissenschaft und Wirtschaft, Kultur und Verbänden – der Transfer untereinander, aber insbesondere zum Bürger geriet nach und nach ins Stocken. Man sprach nicht mehr miteinander, sondern allenfalls schlecht übereinander. Der Ansatz, diese Sprachlosigkeit zu überwinden, Begegnungsstätte für Menschen und gesellschaftliche Gruppen mit unterschiedlichen Denkansätzen zu sein und deren Dialog zu fördern – dies ist und bleibt Auftrag des Politischen Forums Ruhr.

Die Begriffe Zivil- oder Bürgergesellschaft erhielten im Zuge der Aufklärung insbesondere durch Kant ihre moderne Bedeutung: Menschen leben als freie Bürgerinnen und Bürger ohne staatliche Gängelung, religiöse Orthodoxie und soziale Ungleichheit – selbstverständlich gedacht im Zusammenhang einer ständisch strukturierten Gesellschaft. Dieses Denken wirkte weit in die europäische Ideengeschichte hinein, nicht zuletzt auf Alexis de Tocqueville, der in De la

13 Ralf Dahrendorf, Auf der Suche nach einer neuen Ordnung. Eine Politik der Freiheit für das 21. Jahrhundert, 4. Aufl., München 2007, S. 127.

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