démocratie en Amérique 1836 die Fähigkeit der amerikanischen Gesellschaft zur Selbstorganisation beschrieb. Durch Hegel und insbesondere Marx wurde die bürgerliche Gesellschaft schließlich zu einem polemischen, ja politischen Kampfbegriff.

Erst seit den 1980ern erlebt der Begriff eine „fulminante Renaissance“.1 Die Inflation des Begriffs lässt sich allein an der Zahl der Versuche und der Gremien ablesen, ihn in der öffentlichen Diskussion zu verankern. Die Regierung Schröder erhob die „zivile Bürgergesellschaft“ zum gesellschaftspolitischen Programm, es gab eine Enquete-Kommission „Zukunft des Bürgerlichen Engagements“, und mittlerweile verfügt der Deutsche Bundestag über einen „Unterausschuss Bürgerschaftliches Engagement“, um nur wenige Beispiele zu nennen.

In diese Gemengelage fiel 1990 die Gründungsphase des Politischen Forums Ruhr. Wir haben uns zu Beginn unserer Aktivitäten entsprechende Fragen gestellt. Sind gemeinwohlorientierte Akteure überhaupt in der Lage, verkrustete Strukturen aufzubrechen? Können wir Lücken schließen, die die klassische Politik in ermüdenden Debatten und endlosen Konsensrunden zum Teil selbst gerissen hat? Unser Ansatz sollte sich nicht auf die rein soziale Komponente des Bürgerengagements im Sinne von Zivilcourage und Ehrenamt beschränken, sondern bewusst auch eine politische Dimension umfassen. Der Bürger sollte wieder mehr in den politischen Willensbildungsprozess zurückgeholt werden, an Themen und Diskussionen teilhaben, sich selbst einbringen, Impulsgeber sein. Doch wieso sollte dies ausgerechnet hier, im Ruhrgebiet, funktionieren?

Ein Blick auf die regionalen Startvoraussetzungen: Das Ruhrgebiet ist seit jeher Gradmesser für die Leistungsfähigkeit Deutschlands. Die Menschen an Rhein, Ruhr, Emscher und Lippe vollenden heute den gewaltigen Strukturwandel vom industriellen Rückgrat Deutschlands hin zum Energie-, Dienstleistungs-, Medizin- und Wissensstandort Nr. 1 in Europa. Das Herz dieser Entwicklung schlägt bei uns in der Metropole Ruhr. Hier verschmelzen die traditionellen Industrien Kohle und Stahl mit den Technologien und dem Know-how des 21. Jahrhunderts. Wir verfügen über das europäische Logistikdrehkreuz, erstklassige Software- und Dienstleistungsstandorte, die höchste Konzerndichte Deutschlands, wenn nicht Europas, die größte Hochschuldichte Deutschlands, einen geballten medizinisch-technologischen Wissenstransfer, der international wettbewerbsfähig ist sowie eine in ihrer Vielfalt konkurrenzlose Kulturlandschaft. Hier findet der Brückenschlag zwischen Tradition und Moderne, aber auch zwischen Ost, West, Nord und Süd statt. Denn die Metropole Ruhr ist nicht nur ein starkes Stück Deutschland – sie ist auch ein zentraler Brückenpfeiler im zusammenwachsenden Europa.

Trotz der großartigen Voraussetzungen gibt es Handlungsbedarf, um qualifizierte und kreative Menschen in die Metropole Ruhr zu holen und sie hier langfristig zu binden. Es gilt, zu den Voraussetzungen echte Perspektiven zu formen.
Migration ist immer auch ein Indikator für wirtschaftliche und gesellschaftliche Transformationsprozesse. Zuwanderer transportieren Innovationspotenziale in

14 Vgl. Jürgen Kocka, Die Rolle der Stiftungen in der Bürgergesellschaft der Zukunft. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, 14/2004, 29. März 2004, S. 3–7, hier S. 3.

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